Niemand muss Vegetarier sein

Vor kurzem gab es auf Twitter, einen Shitstorm für einen Vegetarier, der ein Foto einer „Super-Mario-Pizza Vier Käse Deluxe & Sweet Sparkles“ gepostet hatte. Vegan lebende Menschen warfen ihm vor, damit Werbung für Tierleid zu machen (andererseits erhielt er auch eine Menge Zuspruch aus seiner Community). Als Reaktion postete er einen Tweet, dass er seit 7 Jahren vegetarisch lebe und „sehr häufig, wenn auch nicht vollständig auf tierische Erzeugnisse“ verzichten würde. Das war dann nochmal Pflanzenöl ins Feuer gegossen, denn 7 Jahre Vegetarismus war einigen Veganern viel zu lange und keine kleinen Schritte, um Tierleid zu vermeiden, sondern Stillstand.

Ich war selbst lange vegetarisch unterwegs. Zu lange. Viel zu lange. Extrem zu lange. Ich bin nicht stolz darauf, dass ich 17 Jahre gebraucht habe, vegan zu werden. Es war im Jahre 1997, als ich den Entschluss fasste, aus ethischen und moralischen Gründen kein Fleisch mehr zu essen. Heute weiß ich, dass das viel zu kurz gedacht war, aber damals fühlte ich mich gut dabei. Andere Vegetarier kannte ich kaum, Veganer schon gar nicht. Und ich war das „Enfant terrible“ bei jedem Familien- oder Firmenessen. Dabei sind Vegetarier doch echt pflegeleicht. Man muss bei der Käse-Lauch-Suppe nur das Hackfleisch weglassen. Käse? Sahne? Kein Problem. Kartoffelsalat ohne Fleischwurst. Rührei ohne Speck. Richtige Ersatz- oder Alternativprodukte gab es noch kaum und wenn, dann nur im Biomarkt oder Reformhaus für teuer Geld ohne richtig gut zu schmecken. Und auf Käse hätte ich nie verzichten können. Ich habe sie geliebt: Brie, Camembert, Ofenkäse, Maasdammer, Limburger, Esrom, Tilsiter, Emmentaler, aber am allermeisten dänischen Höhlenkäse und Jarlsberg aus Norwegen. „Käsebrot ist ein gutes Brot“ (Helge Schneider).

„Vegetarier sind Mörder“, diesen Spruch habe ich dann irgendwann gelesen. Ich habe ihn nicht verstanden. Ich war doch kein Mörder. „Denn für mich macht niemand Tiere tot.“ (Die Ärzte). Kühe geben doch sowieso Milch. Hühner legen doch sowieso Eier. Schafe müssen doch sowieso geschoren werden. Aber gerade Käse ist wie alle Milchprodukte mit 100% Tierleid verbunden. Die Milchindustrie ist die Fleischindustrie. Die Milchkühe werden jährlich geschwängert, weil sie nur Milch produzieren, wenn sie ein Kalb geboren haben, wie bei uns Menschen auch. Das Kalb wird von der Mutter getrennt, damit diese in Ruhe gemolken werden kann. Ist es weiblich, wird es aufgezogen und muss in Mamas Fußstapfen treten. Ist es männlich, wird es aufgezogen und zu Kalbsfleisch (lt. Wikipedia ist Kalbsfleisch das Fleisch von wenigen Wochen bis 8 Monate alten Rindern) verarbeitet. In der Eierproduktion geht es genauso zu. Weibliche Küken werden zu Legehennen aufgezogen, männliche Küken getötet, entweder als Eintagsküken (in Deutschland verboten, aber im Ausland noch praktiziert) oder als Bruderhahn nach 16 Wochen. Alles nicht unterstützenswert, schon gar nicht für ein kurze Gaumenfreude.

Ich war zu lange Vegetarier, viel zu lange, und bitte jeden, der „vegetarisch für die Tiere“ ist (oder wie ich aus „ethisch-moralischen Gründen“), den Schritt aus der Tierleid-Hölle zu machen, denn das ist der Vegetarismus, eine trügerische Komfortzone, in der das Schicksal der Tiere genauso ausgeblendet wird wie von den Fleischessern.

Heute lebe ich im 9. Jahr vegan und bedauere daran allein, dass es nicht 25 Jahre sind oder wenigstens 19. (Moby hat schon 35 Jahre geschafft.)

Heute ist es so einfach, vegan zu leben. Jeder Discounter hat mittlerweile ein veganes Sortiment, oft sogar eine vegane Eigenmarke. Es gibt vegane Pizza, aus der Tiefkühltruhe und vom Lieferdienst. Es gibt vegane Dino-Nuggets, veganen Räucherlachs, veganen Mozzarella, veganen Thunfisch, vegane Currywurst, vegane Salami. Vegane Shrimps. (Bratwurstgermanen nennen das alles „Chemie-Pampe“) Und man kann so viel selber machen, das Internet ist voll mit veganen Rezepten.

Niemand muss Fleisch essen. Und niemand muss Vegetarier sein. Watch Dominion! Go vegan!

CC-BY-SA by bauhausmensch, 2023 - 2024. All Rights Reserved. Built with Typemill.